30 Jahre Mauerfall: Wende im Opel Kadett

Von Benjamin Schmidt

Irgendwann im Herbst 1989. Meine Mama manövriert ihren senfgelben Opel Kadett durch morgendliche Nebelschwaden. Ich sitze warm eingepackt auf dem Kindersitz im Fond, die Gipfel der Alpen ziehen irgendwo in der Ferne vorbei. Vor Kurzem ist die Mauer gefallen.

Wir fahren zum Kindergarten, den ich seit einigen Wochen besuche. „Sankt Nikolaus“ in  Immenstadt.  Allgäu. Süddeutschland. Ich bin drei Jahre alt, vom Osten oder der DDR habe ich noch nie gehört. Im Radio muss der Sprecher irgendwas darüber erzählt haben. Vom Mauerfall, der erhofften Wiedervereinigung. Auf jeden Fall fing meine Mutter an, mir die Sache zu erklären und es klang großartig.

Für lange Zeit sei das Land getrennt gewesen, durch eine Mauer, sagte sie. Das habe die Leute traurig gemacht. Jetzt sei die Mauer weg, die Menschen dürften sich wieder gegenseitig besuchen und bald solle es den Leuten „Drüben“ genauso gut gehen wie uns hier im Allgäu. Bislang seien sie arm gewesen.

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Drei Jahre später, 1992, wurde ich eingeschult. Im selben Jahr veröffentlichte der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama sein Buch mit dem Titel „Ende der Geschichte“. Er erzählt darin vom Sieg des Liberalismus, der Demokratie und der Marktwirtschaft. Alles sei gut jetzt. Ich bin genau in diesem Bewusstsein aufgewachsen. Ich lernte in der Schule, dass früher einiges schlecht war. Unruhige Zeiten in der Weimarer Republik, Weltkrieg, Eiserner Vorhang. Jetzt ist alles gut, das war für mich das Mantra der frühen 90er Jahre.

Heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall, wohne ich selbst „Drüben“ im Osten, in Chemnitz. Vieles ist tatsächlich gut geworden, vom Ende der Geschichte aber kann nicht die Rede sein. Vielmehr gibt es neue Herausforderungen: Nationalismus, Populismus, Klimawandel. Jeden Tag erzählt davon irgendein Radiosprecher, während Muttis ihre Kinder zur Kita fahren. Sie werden ihnen kaum sagen können, dass heute alles gut ist. Schade eigentlich.

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