30 Jahre Mauerfall: Von Neid und guten Kontakten in den Westen

Von Andreas Klinger

In hohem Bogen flog das blaue Plastespielzeugauto über den Sandkasten im Schulhof hinweg und landete mit einem scheppernden Knacken auf der Betonumrandung.  Das alte DDR-Spielzeug war bis eben noch gerade gut genug, Oli Ks. Langeweile einigermaßen zu vertreiben. Doch mein alter Schulkamerad von damals, der von daheim besseres gewohnt war,  hatte plötzlich keine Verwendung mehr für den alten „Ostschrott“. „Wir fahren in den Westen, endlich“, jubelte Oliver. Dann rannte er mit hochgerissenen Armen seiner Mutter entgegen, die schon mit tippenden Füßen und missmutigem Gesicht  auf den Sprössling wartete.  Es galt keine Minute zu verlieren. Denn bereits am Morgen hatte der Sprecher im Radio verkündet, dass der Weg ins verheißene Land nicht länger verschlossen blieb. Höchste Zeit also, dem Ruf zu folgen. Wir anderen blieben erstmal verwundert im Sandkasten zurück und schauten dem hinfort rasenden Wagen nach. Oli würde wohl der erste aus der Klasse sein, der die Grenze nach Westberlin überschreitet.

Familie K. war bei uns Grundschülern schon immer für ihre guten Verbindungen in den Westen bekannt. Egal ob Kunststoffdinosaurier oder Spielzeugautos, die auf wundersame Weise ihre Farbe wechselten, wenn man sie unter fließendes Wasser hielt – bei Oli gab es das alles schon lange, bevor die Mauer auch nur erste Risse bekommen hatte. Ohne Familie K. wären wir alle restlos glücklich gewesen, glücklich mit dem, was uns Knirpsen damals zur Verfügung stand.  Im Grunde hatten wir alles – dachten wir.  Dass es aber eigentlich viel mehr braucht, wurde uns Kindern erst später bewusst, oder eben immer dann, wenn wir mal wieder bei Oli K. zum Spielen eingeladen wurden. So lernten wir ein uns zuvor gänzlich unbekanntes Gefühle kennen: Den Neid

Als Siebenjähriger macht man sich keine großen Gedanken über Systemwechsel, politische Umstürze, Stasi, fehlende Meinungsfreiheit oder die wirtschaftliche Zukunft des eigenen Landes. Nur der 1. Mai und das stundenlange  Herumgelatsche ohne erkennbaren Sinn und Zweck gingen gehörig auf die Nerven. Auch völlig unverständlich: Gefühlt stundenlange Fernsehansprachen eines gewissen Erich Honeckers und anderer Genossen von denen sich die Erwachsenen unerklärlicherweise auf dem Sessel fesseln ließen – gähn.

Ins verheißenen Land fuhren wir erst zwei Tage nach dem Mauerfall. „Das wird sonst zu voll auf den Straßen“, erklärte meine Mutter mir. Am Ende haben die bunten Konsumtempel Westberlins das Herz des Siebenjährigen erobert. Die Plastesaurier und Färbeautos konnte ich mir von nun an selber ins Regal stellen.

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