30 Jahre Mauerfall: Jeder braucht seine eigene Wende

Von Lukas Fischer

Nachwendegeneration. Klingt das nicht toll? Eine ganze Generation, die in einem geeinten Deutschland aufgewachsen ist. Nur: In einem geeinten Land aufzuwachsen bedeutet nicht gleich, dass wir auch geeint sind. Das war mir schon früh klar, denn da wo ich aufwuchs – im Erzgebirge – da ist von Einheit nicht viel zu spüren gewesen.

Im Gegenteil: Über Westdeutsche wurde sich schon in der Grundschule lustig gemacht. Besserwisser, reiche Schnösel. Viel besser kam da DDR-Nostalgie an. Als dann irgendwann ein in Westdeutschland aufgewachsenes Kind in die Klasse kam, da war das Mobbing vorprogrammiert. Allein schon wegen seiner Sprache – erkennbar nicht Ostdeutsch – hatte er in meiner Klasse nie eine Chance. Auch ich hatte sofort ein Bild von ihm und seiner Familie im Kopf, ohne diese überhaupt zu kennen. Die über Jahre aufgebauten Stereotype musste auch ich erst lernen abzulegen.

So wirklich überraschend ist es aber nicht, dass selbst Kinder, die die Teilung nie erlebt haben, diese noch in ihren Köpfen tragen. Die DDR, das ist oft Gesprächsthema in der Familie, füllt die meiste Zeit im Geschichtsunterricht, ist eben allgegenwärtig. Der Westen des geeinten Deutschlands war nie relevant in meiner Kindheit. Außer wenn wir meine Schwester besuchten, die, wie so viele, in den Westen gegangen ist, um dort Arbeit zu finden. Auch das war für viele von uns eine Realität.

Bis die Einheit auch im letzten Dorf des Erzgebirges ankommt, wird es noch lang dauern. Wo soll sie auch herkommen? Es bringt nichts, immer die Einheit zu beschwören, ohne etwas geschehen zu lassen. Damit Ost und West zusammenwachsen können, müssen die beiden Seiten auch aufeinander zugehen. Zumindest in meiner Kindheit ist das nicht geschehen. Kein Schulausflug in den Westen, kein Kontakt mit Schülern von „drüben“. Stattdessen oft romantisierendes Gerede über die DDR. Im Übrigen hat auch die Geschichte Westdeutschlands bei uns keine Rolle gespielt. RAF, die Attacke auf die Olympischen Spiele in München – kein Wort davon im Geschichtsunterricht.

Meine eigene Einheit musste ich mir also selbst erarbeiten. Und ich glaube fest, dass das jeder für sich tun muss. Ja, manchmal mache ich noch immer Witze über Westdeutsche. Und ja, oft teile ich im Kopf noch immer automatisch in Ost und West. Das zu ändern ist nicht leicht – zu sehr wurde ich in meiner Kindheit geprägt. Aber ich arbeite daran, das zu ändern. Am Ende bin ich einfach froh, dass die Mauer weg ist, Deutschland eins ist. Ein paar dumme Stereotype werden daran auch nichts ändern.

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