Das Sommerloch überstehen in einer kleinen westsächsischen Stadt

 

Von Andreas Klinger

Windstille, 35 Grad und heißer, eine Stadt, an manchen Tagen wie ausgestorben. Es fehlen nur noch Steppenläufer, die bekannten Rollbüsche aus den Westernfilmen – und das Bild der verlassenen Prairiestadt wäre perfekt.

Zugegebenermaßen eine klein wenig übertriebene Darstellung der vergangenen Sommermonate. Ganz so tot zeigte sich das westsächsische Städchen Hohenstein-Ernstthal bei näherer Betrachtung dann doch nicht. Dennoch, die Einkaufsstraßen des Ortes schlummerten ab frühem Nachmittag in einer Art Siesta-Zustand, draußen war es kaum mehr auszuhalten.  Zwei tapfere Redakteure und ein nicht minder tapferer Volontär schmorten währenddessen im eigenen Saft und standen vor einer harten Mission. Wie soll man in dieser sommerlichen Informationswüste die morgige Zeitung füllen, und das möglichst noch gehaltvoll?

Das berühmt berüchtigte Sommerloch schien die Medienwelt mal wieder trocken zu legen. Doch 2018 ist etwas anders, denn dieser Sommer ist kein gewöhnlicher, sondern ein „Jahrhundertsommer“. Das heißt, all die niedlichen Kätzchen, Problembären, Känguruhs und Nessis standen dieses Jahr, sicher nicht zu ihrem Leidwesen, weniger im Rampenlicht der medialen Aufmerksamkeit. Auch von Schweinegrippe, Vogelgrippe und Co. hörte man erfreulich wenig. Denn der Jahrhundertsommer thematisiert sich selber.

Ob Besucherrekorde in den Gemeindebädern oder städtische Mitarbeitern, die 24/7 mit umgebauten Löschkarren Wasser aus den Zisternen abschöpfen, um dieses den anderweitig auf Gedeih und Verderb der Trockenheit ausgelieferten Stadtbäumen zuzuführen – Die Liste an Themen, die dieser Sommer mitbringt, ist lang. Danken muss man da auch der guten „Friedericke“. Hätte sie im Januar nicht massenweise Bäume in Sachsens Wäldern umgelegt, woher hätten die Freiflächen kommen sollen, die es der gnadenlos strahlenden Sonne ermöglicht hätten, hunderte von ungeschützten Jungbäumen zu töten – Und wieder ein Thema. Kleingärtner, die Blumen gießen. Auch das wird plötzlich zum Thema, denn die Pflanzenliebhaber müssen plötzlich das Wasser aus der Leitung nutzen. Jemand geht mit dem Eimer zum Fluss und schöpft Wasser – ebenfalls ein Thema, denn aufgrund der Trockenheit ist das strengstens untersagt. Und dann das: Ende August sinkt die Temperatur irgendwann unter 25 Grad – aus diesem plötzlichen und Kälteeinbruch lässt sich sicher auch die eine oder andere Nachricht stricken.

Doch auch so ein Jahrhundertsommer stopft das Sommerloch nicht im Alleingang. Da braucht es schon mal Kreativität und Spontanität, um die eine oder andere Lücke zu  füllen – und manchmal kommt ein richtiger Renner dabei heraus. Es fing mal wieder mit einem Hitzethema an. Wegen einbrechender Kartoffelernte recherchiert der gestandene Lokalredakteur, wo auch sonst, auf dem Kartoffelacker. Doch plötzlich erregt eine seltsame Gestalt die Aufmerksamkeit des Reporters. Auf einem japanischen Minimofa sitzend tuckert ein drahtiger Rentner hinter den Erntemaschinen hinterher und las alle Kartoffeln auf, die, zu klein für die Siebketten der Maschinen und angeblich auch für den erlesenen Geschmack der Kunden, auf dem Feld liegenbleiben. Da war sie geboren, die Geschichte vom Knollenkönig.

Auch nicht zu unterschätzen in so einem kleinen Städtchen: Die über Jahre gewachsenen persönlichen Kontakte. Egal ob Abteilungsleiter, Richter,  Stadtrat oder gar OB: Man kennt sich nicht nur von Pressekonferenzen und Terminen. Auch auf Festen, im Schwimmbad oder beim Chinesen um die Ecke heißt es oft „Glückauf Herr/Frau…“. Die Welt  hier draußen ist für Unnahbarkeit zu klein. Das erleichtert nicht nur die beliebten Sommer(loch)-Interviews, sondern bringt auch viele Geschichten abseits von Pressemitteilungen und öffentlichen Terminen.

Wenn es um Hohenstein-Ernstthal geht, darf natürlich der Sachsenring nicht fehlen. Gerade das Hick-Hack um die Austragung  der Motorradweltmeisterschaft im nächsten Jahr erwies sich als toller Sommerlochstopfer.

Und zu guter letzt blieben auch die tierischen Freunde des Sommerlochreporters nicht komplett außen vor. Da gab es zum Beispiel eine Kröte, der es möglicherweise draußen zu heiß wurde. Sie fand Unterschlupf in einem Vogelhaus und erhielt, quasi als all inclusive Angebot, noch eine Brotdose von ihren Herbergseltern dazu – ein super Krötenpool.  Die den Bewohnern des kleinen westsächsischen Städchens fanden das genauso super. Einige spekulierten sogar von einem Prinzen im Garten. Krötenpools in Brotdosenform machten plötzlich Schule. Und wieder ein paar Spalten gefüllt.

In diesem Sinne Glückauf. Da bleibt nur zu hoffen, dass der nächste Sommer wieder alle Rekorde bricht.

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