Frag den Volo: Wie viel Wein trinkt ihr wegen „Oma Frieda“?

Kollegen fragen, Volontäre antworten. Heute: Wie viele Gläser Wein/Joints/Antidepressiva kostet es Euch pro Woche, sich anhören zu müssen, dass man das immer schon so gemacht hat und sich auch nichts ändern wird, weil man den Leser/die Leute schon so lange kennt? (Diese Frage hat Ronny Strobel, Online-Chef, gestellt.)

von Ulrike Abraham

Lieber Ronny, kennst du Oma Frieda? Nein? Ich auch nicht. Niemand kennt sie. Trotzdem ist sie allgegenwärtig. „Sie müssen das so schreiben, dass es auch Oma Frieda versteht“, hat die Chefin in einer meiner ersten Stationen stets gepredigt. Und so wurde aus dem Messenger der Kurznachrichtendienst; aus dem Vokuhila in meinem Text zur Haar-Modenschau „eine 80er-Jahre-Frisur, bekannt etwa durch Wolfgang Petry.“

Oma Frieda versteht keine Anglizismen, mag keinen Slang, interessiert sich nicht für Randgruppenthemen. Will am Samstag das „Geistliche Wort“ lesen. Man kann ihr wenig zumuten, sonst bestellt sie nämlich die Zeitung ab. Ein wahres Schreckgespenst ist sie, die alte Dame. Die Personifizierung des Durchschnittslesers. Verkleidung für den Satz, „Das haben wir schon immer so gemacht“.

Dahinter verbirgt sich Unsicherheit, ein bisschen Angst vielleicht: vor dem Leser, der großen Unbekannten. Zeitung machen ist auswählen – Themen, Stil, Argumente. Dabei wollen wir relevant sein, die Lebenswirklichkeit der Menschen im Verbreitungsgebiet widerspiegeln, unterhalten. Und doch stochern wir immer im Dunkeln. Denn egal wie viele Leserbriefe, Anrufe, Facebook-Posts kommen – es ist ein winziger Teil der Leser, der auf Artikel reagiert. Ob gefällt, was wir machen, lässt sich nie mit Gewissheit sagen. Die Abozahlen sind ein Indikator.

Und die sinken, die Branche ist im Wandel. „Das haben wir schon immer so gemacht“, ist ein Versuch, Oma Frieda weiter zu gefallen, den Status Quo zu erhalten. Der andere ist, allgemeingültige Regeln zu formulieren: Die Leser wollen keine langen Texte, Bleiwüsten schrecken ab. Der Vorspann braucht einen Cliffhanger (für Oma Frieda: Das ist ein offenes Ende, das zum Weiterlesen animieren soll). Auf keinen Fall darf dasselbe Wort in Überschrift und Vorspann vorkommen. Letzteres führt leicht zum Synonymkrampf. So wird aus „Wasser“ „kühles Nass“. Darüber hätte sich Oma Frieda nun wirklich totgelacht. Als gäbe es für Journalismus eine Rezeptur mit Gelinggarantie.

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Den einen oder anderen Frustrotwein habe ich schon geleert, klar. Jede Lokalredaktion, in die man als Volo kommt, gleicht einem Mikrokosmos, mit lang eingesessenen Kollegen, eigenen Regeln und Gesetzen. Mit einer eigenen Oma Frieda. Demgegenüber stehen Kollegen, die neugierig sind auf meine Sicht und meine Ideen, die dankbar sind für neue Impulse. Und die gibt es auch fast überall.

Wir sollten Oma Frieda mehr zutrauen. Sie macht nicht nur All-Inclusive-Urlaub. Ihre Enkel gehen Geo-Cachen, und sie kann sogar QR-Codes scannen. Denn sie hat längst ein Smartphone.

Alle bisherigen Teile unserer Serie „Frag den Volo“ sind hier zu finden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: