Die Fußball-WM in der Sportredaktion

Von Lukas Fischer

Die Sportredaktion ist während einer Fußball-WM fast schon ein Mythos. Schauen die da wirklich alle Spiele an? Gibt es da kühles Bier und knusprige Chips? Und wird da denn überhaupt noch gearbeitet? In den vergangenen Wochen durfte ich diese magische Zeit im Sportressort miterleben und nehme euch nun mit auf eine Reise mitten hinein in den WM-Alltag eines Volontärs.

Es ist kurz nach 10 Uhr. Die Weltmeisterschaft läuft seit einigen Wochen und die Gruppenphase neigt sich dem Ende entgegen. Heute spielt Deutschland gegen Korea – für Jogis Jungs geht es um das Weiterkommen ins Achtelfinale. Das Spiel wird um 16 Uhr beginnen, also bleiben nach Arbeitsantritt noch etwa fünf Stunden, um so viel wie möglich vorzubereiten. Ich stürze mich also direkt hinein in die Arbeit. Von den zwei Themenseiten zu dem Weltturnier in unserer morgigen Ausgabe ist an diesem Tag eine dem deutschen Spiel gewidmet. Die andere blickt auf die Duelle vom Vortag zurück und kann entsprechend bereits vorbereitet werden. Zwei der vier Spielberichte sind meine Aufgabe – also schnappe ich mir die entsprechenden Agenturtexte und werfe diese mit ein paar wenigen Klicks auf die Zeitung von morgen. Nur noch die Länge und einige Kleinigkeiten anpassen, schon ist diese Aufgabe erledigt. Danach gilt es noch, die Meldungsspalte zu füllen. An Nachrichten mangelt es nicht – besonders während der Gruppenphase, in der täglich Spiele stattfinden. Dennoch ist dies durchaus eine Herausforderung. Denn zwischen „Neymar hat Spaghetti auf dem Kopf“ und „Maradona besitzt zwei Mittelfinger“ ist es mitunter wirklich schwierig, genügend relevante Meldungen herauszufiltern. Ob die hellen Nächte und harten Matratzen im brasilianischen Teamhotel eine Meldung wert sind? An diesem für das deutsche Team so schicksalhaften Tag fällt meine Wahl auf eine Trainerentlassung in Ägypten, einen verletzten Tunesier sowie einen Rücktritt bei Australien. Reinkopieren, Kürzen, Anpassen – fertig.

Da diese Tätigkeiten bei Weitem keine fünf Stunden in Anspruch nehmen, bleibt im Anschluss Zeit für Themen außerhalb der Fußballwelt. Während ich da also sitze und über Basketballer, Bogenschützen und andere Sportsfreunde schreibe, wird im Hintergrund von einem Kollegen bereits der Fernseher angeschaltet – es verbleibt etwa eine Stunde bis zum Anstoß. Mit einem Ohr lausche ich also ab jetzt der Vorberichterstattung von ARD oder ZDF – auch um den perfekten Moment für die Bewegung weg vom Arbeitsplatz hin zum Fernseher abzupassen. Bei Spielen der Nationalmannschaft ist dies von großer Wichtigkeit, denn die guten Plätze sind in unserem kleinen Büro schnell vergeben. Wie aus dem Nichts strömen immer mehr Kollegen aus anderen Räumen in unsere heiligen Hallen des Sports und positionieren sich vor dem TV-Gerät. Am besten sollte man jetzt nicht mehr aufstehen, sonst ist der eigene Stuhl schnell weggefangen. Was folgt, ist Fußball. Mitfiebern, diskutieren und Jubeln – oder eben nicht. Deutschland verliert 0:2 und scheidet aus. Die Stimmung ist schlecht, die vielen Leute verschwinden ebenso schnell, wie sie gekommen sind. Die bei den meisten Spielen folgende Diskussion über Schiedsrichter, Videobeweis oder Schauspielerei fällt heute sehr knapp aus. Gemeinsam regen wir uns nur für einige Minuten über die schlechte Leistung der Deutschen auf. So richtig Lust hat darauf nach dem Ausscheiden aber keiner mehr. Außerdem haben wir dafür noch später Zeit. Jetzt steht erst einmal Arbeit an. Über die zahlreichen Kollegen verteilt sich diese recht gut. Einer telefoniert mit dem Kolumnisten, ein anderer fügt die Grafiken und Zahlen für die Benotung der Spieler ein und wieder ein anderer kümmert sich um den Spielbericht. Für mich bleibt nur eine Kleinigkeit übrig – die Statistiken. Kopieren, Einfügen, Überprüfen – fertig. So endet dieser zum Schluss recht trübe WM-Tag in der Sportredaktion. Ohne Chips, ohne Bier und ohne Spektakel. Einfach nur ein paar Redakteure, die sich vor dem TV versammeln und danach ihrer Arbeit nachgehen.

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