Frag den Volo: Vertrauen euch die Leute blind?

Kollegen fragen, Volontäre antworten. Heute: Uns alte Reporter kennen ja die meisten Leute in den Landkreisen. Müsst Ihr oft Euren Presseausweis zücken oder vertrauen Euch die Leute blind? (Diese Frage hat Viola Martin aus der Lokalredaktion Zwickau gestellt.)

von Jonathan Rebmann

In meiner Zeit als Volontär habe ich nur ein- oder zweimal meinen Presseausweis vorzeigen müssen. Die Leute glauben mir, wenn ich ihnen sage, dass ich Journalist der „Freien Presse“ bin. Doch zum Vertrauen in eine Person gehört ein bisschen mehr.

In Plauen durfte ich das am eigenen Leib erfahren: Ein Kellergewölbe mitten in der Innenstadt, die Veranstaltung war ein Vortrag in einer Reihe namens „Linksradikale Perspektiven“. Ich sollte herausfinden, ob die Gruppe dahinter wirklich extremistisch ist. Daher hatte ich ein mulmiges Gefühl im Bauch.

Der Raum füllte sich allmählich mit Zuschauern. Kleine Gruppen von jungen Leuten standen zusammen. Ich ging direkt auf sie zu und fragte: „Seid ihr die Linksradikalen?“ Als Antwort gab es nur Gelächter. Dann stellte ich mich als Journalist vor (einen Presseausweis wollte keiner sehen). Sofort war eine gewisse Zurückhaltung im Raum spürbar.

Mit einiger Verspätung begann der Vortrag. Zwei Studenten, schätzungsweise Mitte Zwanzig, erzählten aus der Geschichte der Arbeiterbewegung. Es ging um Marx und Engels, den spanischen Bürgerkrieg und Anarchie, um den Arbeitskampf im Alltag. Aus der Rede war nichts „Radikales“ herauszuhören. Waren das wirklich Extremisten? Ich musste den Rednern auf den Zahn fühlen, also ging ich vor und konfrontierte die beiden Studenten persönlich. Auch hier war wieder Misstrauen zu spüren, denn ihre Nachnamen verrieten die beiden nicht.

„Wie steht ihr zur Ausübung von Gewalt?“, fragte ich. Das komme auf den Kontext an, lautete die vage Antwort. Na gut, dann konkreter: „Würdest du mit Steinen auf Polizisten werfen?“ Auch hier erhielt ich keine klare Antwort. „Würdest du ausschließen, mit Steinen auf Polizisten zu werfen?“ Nein, das würde er nicht, sagte der eine. Rumms, da hatte ich meine Antwort: Ja, hier stand ein Extremist vor mir.

Dieses Erlebnis zeigte mir: Die Menschen haben Angst vor uns Reportern. Sie fürchten uns, da wir etwas schreiben könnten, das sie in ein schlechtes Licht rückt. Um das Vertrauen in uns Journalisten zu wecken, reicht der Presseausweis längst nicht aus.

Alle bisherigen Teile unserer Serie „Frag den Volo“ sind hier zu finden.

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