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Journalist und (Geistes-) Wissenschaftler – einander fremd?

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VON MICHAEL KUNZE

Mit dem Internet geht eine große Beschleunigung einher – des Denkens, der Informationsbeschaffung und -übertragung, dazu immer schnellere Verkehrsmittel. Journalismus und (Geistes-) Wissenschaft sind da nicht außen vor. Während Online- und Printkollegen längst konkurrieren, ist auch die Forscherzunft nicht außen vor. Die kursorische Nabelschau eines Journalisten, der Geisteswissenschaftler ist.

Themen

Die Auswahl ist für Journalisten wie Geisteswissenschaftler gleichermaßen groß. Sie wird in erster Linie (sollte jedenfalls) begrenzt durch die eigene Fähigkeit, sich in unbekannte Zusammenhänge einzuarbeiten oder durch den Themenkreis eines Mediums, in dem das Ergebnis veröffentlicht werden soll.

Beispiele: In einer Lifestyle-Zeitschrift wird es schwierig, neue Erkenntnisse zum Maisanbau unterzubringen. Ein Aufsatz zum baltischen Luthertum Adolf von Harnacks dürfte es in einer Publikation schwerhaben, die sich mit empirischer Sozialforschung befasst.

Arbeitsweise

Hier sind die Unterschiede zwischen  Journalisten und Geisteswissenschaftlern nach wie vor gravierend.

Journalist: In der Regel erfordert der Journalistenberuf Schnelligkeit, gerade in tagesaktuell (weiter zugespitzt bei Internet, Radio, TV) erscheinenden Medien. Voraussetzung ist gutes Allgemein- oder Überblickswissen, nicht so sehr tiefgreifende Fachkenntnisse. Es ist wichtiger zu wissen, wer gefragt werden muss, um eine Frage zu beantworten, als diese selbst klären zu können (im Übrigen auch wahrscheinlicher). Anders ist es, wenn ein Journalist das Glück hat, für ein Medium zu arbeiten, das sich Fachleute mit eng begrenzten Gebieten leisten kann (auch überregional immer seltener).

Geisteswissenschaftler: Für Wissenschaftler im Allgemeinen gilt wie für Geisteswissenschaftler im Besonderen, wenn sie sich einem konkreten Projekt widmen, z.B. der Erarbeitung einer Dissertation oder Habilitation oder auch „nur“ eines Aufsatzes für einen Sammelband oder eine Zeitschrift: Ohne nachgewiesene Kenntnis des Forschungsstandes geht wenig, sonst bekommt der Autor den Beitrag von Kollegen um die Ohren gehauen, die darüber verfügen. Ein einmal ruinierter Ruf lässt sich schwer wieder verbessern. Einfach ist ein Tiefenwissen i.d.R. nicht „anzuhäufen“, da die Erkenntnisse auf vielen Gebieten exponentiell wachsen; darum nimmt auch der Grad der Spezialisierung zu. Es gibt keine Universalgelehrten mehr wie Alexander von Humboldt oder Albert Schweitzer – aus gutem Grund. Unabhängig davon gibt es Forschungsfelder, auf denen sich kaum wer auskennt. Es ist also auch schwer, jemand zu fragen. Für (angehende) Wissenschaftler bedeutet die Erforschung derartiger Felder – oft im stillen Kämmerlein als Einzelkämpfer – die Chance für größten Ruhm oder jahrelanges Vor-sich-hin-Wursteln ohne Anerkennung. Nicht immer haben sie darauf Einfluss. Zwar deutet sich manches „Modethema“ über Jahre hinweg an (Populismus, Extremismus, Terrorismus etwa), manches ploppt aber gewissermaßen aus dem Boden.

Arbeits- und Hilfsmittel

Journalist: Inhalte von Gesprächen – vis á vis geführt oder am Telefon – sind Hauptquellen journalistischer Recherche, dazu kommen Interviews mit Fachleuten, Zeit- oder Augenzeugen und nach wie vor der Vor-Ort-Termin, (sehr) selten hingegen Archiv- oder Bibliotheksarbeit. Vorn rangiert indes seit Jahren die Internetrecherche, insbesondere, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Geisteswissenschaftler: Je nach Thema läuft ohne Quellenarbeit in Bibliotheken, Archiven und die Zuhilfenahme von Sekundärliteratur in Sammelbänden, Editionen, Fachzeitschriften wenig. Da immer mehr wissenschaftliche Einrichtungen ihre Bestände online zugänglich machen, auch Fachzeitschriften und Rezensionsportale zunehmend allein im Netz präsent sind, wird auch dieser Recherche- wie Publikationsweg wichtiger.

Arbeits-„Dauer“

Journalist: Je nach thematischer oder geografischer Zuständigkeit, je nach Anlass oder Medienart wird (tages-) aktuell berichtet, das schränkt die Recherchezeit ein. Oft entwickeln sich Themen auch während bereits begonnener Berichterstattung. Neuigkeiten werden oft in einem Atemzug damit geliefert, wie sie bekannt werden. Mit etwas Verzögerung – je mehr, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Annahmen stimmen – folgt die Einordnung von Geschehnissen, die indes ein Mindestmaß an Überblickswissen zu einem Sachverhalt voraussetzt. Die meisten journalistischen Themen sind jedoch nach wenigen Tagen, oft nach einmaliger Berichterstattung, „abgehakt“ (Feste, Jahrestage, Unfallberichterstattung). Selten gibt es Fragestellungen, die monate- oder jahrelang bearbeitet werden (wie die Wirtschafts- und Finanzkrise im Euro-Raum, Mitgration, Terror).

Geisteswissenschaftler: Je nach Umfang und Rechercheaufwand beschäftigen sich Wissenschaftler oft wochen-, monate-, teils jahrelang mit einem Schwerpunktthema und meist darüber hinaus nur mit wenigen verwandten Fragestellungen. Wer auf zu vielen Hochzeiten tanzt, wird in der Zunft nicht ernst genommen.

Ergebnis

Journalist: Die Ergebnisse journalistischer Arbeit werden in Artikeln festgehalten, bei Bedarf mit Fortsetzungen, seltener in Artikelserien (etwa zu Jahrestagen), genauso in Radio- oder TV-Beiträgen, längst auch beispielsweise in Multi-Media-Reportagen.

Geisteswissenschaftler: Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit fließen in Vorträge ein, zum Beispiel auf Tagungen, Konferenzen, Workshops, ebenso in viele Dutzend Seiten lange Aufsätze, noch weit längere Sammelbände, in (Quellen-) Editionen, Bücher, in seltenen Fällen auch in mehrbändige Werke, immer wieder in Zeitungsartikel (meist als Expertenbeiträge). Auch hier immer bedeutender als Publikationsort: das Internet.

Zum Blog des Autors: www.michael-kunze.net

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