Der Volo-Blog der Freien Presse

Jetzt erzählen die Nachwuchsredakteure

Ein Lob auf das Lokale

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Von Christian Meyer „Landfrauen Kochen mit Kindern und Kartoffeln“, „Löschgruppe fördert Kinder mit Glühwein“, „Polizist schießt mit Messer bewaffneten Mann nieder“ – solche misslungenen und mitunter unfreiwillig komischen Schlagzeilen finden sich zuhauf auf der Facebookseite „Perlen des Lokaljournalismus“. Die Seite ist ein Renner im sozialen Netzwerk und hat aktuell über 151.000 Gefällt-mir-Klicks. Neben seltsamen Headlines gibt es auch jede Menge andere Scharmützel. So ist in einer Meldung von Reisebussen an der „deutsch-italienischen Grenze“ zu lesen, in einer anderen hat ein von der Polizei gestoppter Fahrer tatsächlich „1,9 Promille Blut im Alkohol“. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Das alles ist zunächst einmal ziemlich witzig. Zum anderen spiegelt es aber wohl ein Stück weit den Ruf des Lokaljournalismus wieder: Kleine, unkritische Texte zum nächsten Feuerwehrverein, und dann auch noch Fehler über Fehler!

Mehr als jede zweite Stadt hat nur eine Lokalzeitung

Wenn man als Volontär im Freundeskreis berichtet, dass man gerade in Reichenbach, Rochlitz oder Flöha arbeitet, erntet man gelegentlich mitleidige Blicke. Will sagen: Ist ja nicht gerade der Nabel der Welt! Das mag stimmen. Genau so richtig ist aber, dass in solch kleineren Orten ein guter Journalismus besonders wichtig ist. Denn auch eine 20.000-Einwohner-Gemeinde unterliegt einer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung, die es zu begleiten und zu hinterfragen gilt. Anders als in Millionenmetropolen sind hier aber keine Reporterherden unterwegs. In mehr als jeder zweiten deutschen Stadt gibt es nur eine lokale Tageszeitung. Neben deren Redaktion und vielleicht noch der nächsten Radiostation ist sonst niemand da, der nachhakt, wenn Fördergelder nicht an ihr vorgesehenes Ziel gelangen, wenn eine Schule nach jahrelangen Versprechen noch immer nicht saniert wurde, wenn der Industriebetrieb von nebenan schließt und die Mitarbeiter entlassen werden. Genau das ist aber eine der Aufgaben der sogenannten vierten Gewalt. Man stelle sich vor, es ist Stadtratssitzung – und keiner geht hin. Kommt dann der Stadtrat zu uns? Was würden Abgeordnete tun, wenn sie niemand beobachtet, über sie berichtet und bewertet?

Aber auch (vermeintlich) kleine Geschichten gehören zur Lokalzeitung: Nachwuchs im örtlichen Tierpark, der Frühjahrsputz im Stadtpark, ein Gig in der hiesigen Kulturkneipe, das Jubiläum der Traditionskonditorei. Das interessiert Menschen, die 50 Kilometer weiter wohnen, meistens nicht. Die, die nahe dran sind, schon. Und genau für diese Leser schreibt er, der Lokaljournalist.

Das A und O lernt man hier

Einfach ist dieser Job nicht. Wer objektiv berichten will, braucht auch eine gewisse Distanz zum Gegenstand seines Artikels. Gerade in einer kleinen Stadt, wo man es häufig mit denselben Menschen zu tun hat, ist es schwer, genügend Abstand zu halten. Eine große Kritik am Lokaljournalismus ist denn auch die der Hofberichterstattung. Soll heißen: Verlautbarungen vom Oberbürgermeister oder des Pressesprechers werden unhinterfragt gedruckt, eine zweite Meinung dazu fehlt. Auch in Sachen crossmediales Arbeiten gelten die Lokalen nicht unbedingt als Vorreiter. Die Gründe dafür liegen nicht zuletzt an knapp besetzten Redaktionen, die bei finanziellen Einschnitten besonders häufig betroffen sind. So fehlt dann am Abend auch mal ein zweites Augenpaar, das den Text des Kollegen aufmerksam liest, bevor er in Druck geht (und danach hoffentlich nicht bei den Facebook-Perlen landet).

Klingt jetzt alles nicht so rosig, gerade wenn man weiß, dass ein Großteil des Volontariats bei der „Freien Presse“ im Lokalen stattfindet: im Vogtland, Erzgebirge, West- und Mittelsachsen und in Chemnitz (letzteres hat dann doch deutlich mehr als 20.000 Einwohner). Die Freie Presse-Redaktionen sind hier allerdings mit am stärksten besetzt, können also breit berichten und auch mal tiefer graben – was auch der Anspruch einer regionalen Zeitung ist.

Dass das Volo hauptsächlich in den Lokalredaktionen stattfindet, hat einen guten Grund: Das A und O eines Journalisten lernt man eben am besten hier, wo die Themenpalette breit und die Einsatzmöglichkeit hoch ist. Vormittags Termin beim Baumamtsleiter, am frühen Nachmittag versuchen, den Ortshistoriker an die Strippe zu bekommen, am späten Nachmittag das Interview mit dem Sprecher der Bürgerinitiative vorbereiten. Ach ja, und geschrieben werden muss ja auch noch.

Dabei merkt man dann übrigens ganz nebenbei, dass selbst in den abgelegensten Dörfern interessante Geschichten lauern, die darauf warten, recherchiert und aufgeschrieben zu werden. Genau dafür will man doch Journalist werden …

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