Der Volo-Blog der Freien Presse

Jetzt erzählen die Nachwuchsredakteure

Und wenn der Leser mal nervt?

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Von Tanja Goldbecher

Reinhard Oldeweme nimmt den Ärger der Leser auf - und lässt ihn auf der Arbeit zurück. Foto: Tanja Goldbecher

Es ist Reinhard Oldewemes Job, den ganzen Tag Ärger aufzunehmen. Er musste erst lernen, ihn bei der Arbeit zurückzulassen. Foto: Tanja Goldbecher

Reinhard Oldeweme ist seit vier Jahren ein Anwalt der Leser  – oder wie er bei der Freien Presse genannt wird: der Leserobmann. Er muss sein Ohr hinhalten, wenn sich aufgebrachte Leser am Telefon über die Zeitung empören. Wir haben ihn gefragt, wie er damit umgeht und was er macht, wenn ihm die Leser mal so richtig auf die Ketten gehen.

Wie oft kommt es vor, dass Sie ein Leser so richtig nervt?

Reinhard Oldeweme: Das ist Alltag. Pro Tag rufen mich zehn bis zwölf Leser an. Anstrengend und nervig werden die Gespräche, wenn die Leser radikale politische Ansichten vertreten. Das heißt, wenn sie linksextrem, rechtsextrem oder auch extrem religiös argumentieren. Das war zum Beispiel nach einem Artikel über Sterbehilfe der Fall.

Und wie wird man so einen Leser wieder los?

Wenn der Leser normal argumentiert, lasse ich ihn zu Ende reden und sage ihm, dass ich meine Kollegen über sein Anliegen informieren werden. Wenn ich mit ihm überhaupt nicht diskutieren kann, dann breche ich das Gespräch ab und lege auf.

Wurden Sie schon einmal bedroht?

Naja, nicht direkt. In meiner Kolumne schreibe ich über sehr persönliche Dinge und vertrete auch eine klare Meinung. Ich habe zum Beispiel geschrieben, dass ich Vegetarier bin – daraufhin hat mich ein Leser als Körnerfresser bezeichnet. Oder ich habe von meinem Fahrradunfall berichtet. Da schrieb mir ein Leser eine Postkarte und sagte, dass der Unfall zu Recht ein Auftragsmord gewesen sein. Für manche Leser ist es auch ein Problem, dass ich ein „Wessi“ bin. Die ultimative Drohung, die ich jeden Tag zu hören bekomme, ist jedoch, dass ein Leser die Zeitung abbestellen möchte.

Was sagen Sie dann dazu?

Ich versuche den Anrufer zu überzeugen, dass es die Zeitung wert ist, gelesen zu werden. Besonders nach einer Preiserhöhung muss ich das immer wieder betonen. In vier Jahren ist es mir allerdings bloß zehnmal geglückt, eine Abbestellung zu verhindern.

Hat Sie ein Gespräch auch schon zu Tränen gerührt?

Manchmal berichten Leser zum Beispiel von ihren Erlebnissen aus dem Krieg. Wenn sie dann anfangen zu weinen, bin ich meistens auch sehr berührt. Aber ich weine nicht in meinem Büro.

Bei welchem Thema melden sich die meisten Leser?

Es geht gar nicht so sehr um Themen, sondern ob es zwei Lager zu einem Sachverhalt gibt. Wenn die Zeitung in ihrem Leitartikel Partei für eine Seite ergreift, melden sich unglaublich viele Leser. Umweltschutz, erneuerbare Energien, Kriegseinsätze oder auch DDR-Bewältigung lassen sich in solche Lager einteilen.

Melden Sie sich auch, um Fehler zu korrigieren?

Klar, wenn zum Beispiel der Ort einer Veranstaltung nicht stimmt, melden sich viele Menschen. Es gibt aber auch Hüter des Genitivs, die mir jeden grammatikalischen Fehler aufzählen. Oder solche, die sich über Anglizismen aufregen.

Fühlt man sich dann nicht als Sündenbock der ganzen Zeitung?

Das ist mein Job. Am Anfang war es schlimm. Ich musste lernen, mit all diesen negativen Gefühlen umzugehen. Nach einiger Zeit habe ich ein dickes Fell bekommen. Heute lasse ich den Ärger der Leser nicht mehr an mich ran. Ich musste eben lernen, die Kritik nicht persönlich zu nehmen.

Was hilft Ihnen, diesen negativen Arbeitsalltag zu verarbeiten?

Ich schreibe jeden Tag einen Beitrag für meinen Blog. Dort kann ich die Dinge verarbeiten, die mich beschäftigen. Ohne diesen Blog könnte ich den Job nicht machen.

Mit welchem Ziel gehen Sie an die Gespräche mit Lesern?

Ich versuche, den Leuten ihren Ärger zu nehmen. Oft wollen sie ja einfach nur Dampf ablassen und fühlen sich hinterher besser. Ich möchte ihr Verständnis für die Journalisten und unsere Arbeit wecken. Außerdem strebe ich immer einen lockeren Umgang mit den Lesern an.

Das längste Telefonat ging über …

Eine Stunde und zwölf Minuten.

Glauben Sie, dass die Kommunikation zwischen Lesern und Journalisten wichtig ist?

Sie ist zwingend erforderlich! So stoßen wir auf Themen und merken, was unseren Lesern wichtig ist.

Was könnten die Journalisten verbessern?

Sie können nicht unbedingt etwas verbessern. Sie bräuchten einfach mehr Zeit, um den Lesern zu zuhören.

Was würden Sie sich von den Lesern wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass die Leser aufgeschlossener sind und Verständnis dafür haben, dass manche Dinge nicht geändert werden können.

Zum Beispiel?

Dass die Zeitung zu einer bestimmten Uhrzeit fertig sein muss und manche Ereignisse es deshalb nicht ins Blatt schaffen.

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