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Die Floskel ist tot – es lebe die Floskel

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VON SEBASTIAN SIEBERTZ

Floskeln sind so alt wie der Fußball – oder zumindest ähnlich betagt wie die Sportberichterstattung. Herauskristallisiert haben sich in Jahrzehnten an Stammtischen und in zahllosen Rasenkanten-Interviews Redewendungen, Weisheiten und austauschbare Sätze, die sich in den tiefsten Gehirnwinkeln der Spieler und Anhänger festgesetzt haben.Einige sollen schon an Höhlenwände gekritzelt worden sein. Sie stammen in der Regel aus Herbergers Zeiten. Darunter Sätze wie „Der Ball ist rund.“ oder „Ein Spiel dauert 90 Minuten.“, denen man nur schwer widersprechen kann.

Bei dieser WM lässt sich mit Herbergers Fakten nicht mehr punkten. Auch verstaubte Richtlinien wie „der Gefoulte soll nicht schießen“ oder „abseits ist, wenn der Schiri pfeift“ gehören nicht mehr zum Vokabular des Fußball-Hipsters, der mit Panini-Stickern erzogen und ballorientierter Deckungsarbeit sozialisiert wurde. Wie soll man sich dieser Tage ohne Weisheiten denn am Volkssport „Fußballdebatte“ beteiligen, wenn man nicht an der Taktiktafel frühstückt oder den Kicker abonniert hat. Die Antwort sind Floskeln. Ja, genau: Doch wieder Floskeln. Die Kunst ist, sie richtig anzuwenden. Also nicht auf Weisheiten zurückzugreifen, die älter sind als Helmut Schmidt oder häufiger genutzt wurden als  Räuchermännel im Erzgebirge. Tipps dafür gibt es auf dem FP-Volo-Blog frei Haus:

„Das hat XY noch nicht gewonnen.“ – Einfacher Satz, kaum Risiko. Man wählt vor der Partie den (vermeintlich) glasklaren Favoriten und sagt einfach das, worum es beim Sport ohnehin geht: Dass vor dem Spiel eben nichts entschieden ist. Sucht man sich dann noch den bekanntesten Akteur des (vermeintlich) unterschätzten Gegners, lässt sich auch noch der Zusatz „Der Max Mustermann ist zum Beispiel ein richtig Guter“ anfügen. Gewinnt doch der klare Favorit, wird sich kaum noch jemand daran erinnern – das Risiko der vollmundigen Ansage entfällt. Stolpert der Favorit, hat man es grandios vorausgesagt.

Achtung: Taktische Ausschweifungen über die Spielweise stecken voller Fallen. Wer den „öffnenden Pass“ (Zuspiel aus der Bedrängnis zu einem Mitspieler, der von weniger Gegnern umgeben ist – meist ein Seitenwechsel) fordert, aber das „Anspiel in die Tiefe“ (Pass in die Spitze – meist in den Raum hinter die Abwehrkette des Gegners) meint, fällt bei Experten unangenehmer auf als ein Opel Manta auf einem Volkswagen-Treffen. Mit Versuchen, über Ballbesitz-Fußball, Gegenpressing, falsche Neuner oder diametral abknickende Doppelsechs zu debattieren, wagt man sich unnötig aufs Glatteis. Selbst für vollausgereifte Hobby-Taktiker und Fußball-Hipster sind diese Analysen nur mit Vorsicht zu genießen. Dennoch gibt es auch aus dem Bereich Taktik ein Vokabular, das sich einfach anwenden lässt. Zum Beispiel: „Die Viererkette (bzw. Dreierkette) muss enger stehen.“ Dieser Satz steht für Universalrezept gegen jede Abwehrschwäche und kann bei unsicherer Spielweise der Verteidigung zu jeder Zeit fröhlich herausposaunt werden – egal ob Dreier-, Vierer- oder Perlenkette. Selbst ausgebildeten Fußballlehrern, und -professoren wird es bei einem Live-Spiel nicht gelingen, diese Behauptung zu widerlegen.

Noch ein Tipp aus dem Taktikbereich: Gibt es im Spiel wenige Torchancen, trifft der Spruch „Der entscheidende Pass fehlt einfach.“ in 90 Prozent der Fälle zu. „Es muss mehr über die Flügel kommen“ passt genauso häufig, ist aber ähnlich zeitgemäß wie Plateau-Sohlen von Buffalo oder WM-Lieder der deutschen Nationalmannschaft. Der Fußball-Anhänger von heute sagt: „XY muss das Offensiv-Spiel breiter machen, um Räume zu schaffen, sodass sie in die Tiefe und in die gefährliche Zone spielen können.“ Nicht ganz einfach zu merken, aber kann durchaus für verwunderte Augen beim Public Viewing oder auch auf dem heimischen Wohnzimmer sorgen.

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