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Der Ruf der Regional-Brigade

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VON TANJA GOLDBECHER

Der Nischel von Karl Marx ist tatsächlich riesig. Von unten fotografiert, ergibt das schöne Touri-Bilder: den Karl knuddeln, ihm in der Nase bohren oder Küsschen geben. Vor ihm schieben sich Autos auf vier Spuren vorbei. Einmal links um die Ecke geschaut, stehen da die berühmten Plattenbauten: Welcome to Chemnitz!

Karl Marx-Monument in Chemnitz

Hier ist er, der übergroße Kopf von Karl Marx.

Den Song „Ich will nicht nach Berlin“ kennt fast jeder. In Kraftklubs Hymne stimmen junge Städter fernab der Metropole und sogar selbstironische Berliner mit ein. Die Stadt, über
die bundesweit eher selten berichtet wird, bekam durch die fünf Jungs ein neues Image. Die alteingesessenen Chemnitzer geben sich aber alle Mühe, jungen Wind schnell fortzublasen. Kraftklubs erste Record-Release-Party wurde im Atomino gefeiert. Genau dieser Club muss jetzt umziehen. Warum wohl – die Anwohner mögen es gar nicht, wenn die Musik am Wochenende zu laut scheppert. Das ärgert die selbsternannte Regional-Brigade. Die „Zeit“ druckt sogleich ein Interview mit dem Sänger Felix Kummer. Der droht mit Abwanderung.

An Freiräumen und Potential mangelt es in Chemnitz ganz und gar nicht. Immer wieder stehen leere Industriebauten zwischen den Wohnhäusern. Da könnte sich Kleinkunst, Kultur und Musikszene gut einnisten. In Berlin würde man sich um solche Loftwohnungen reißen, aber eben in der Hauptstadt.

Um die 10.000 Studenten hat die TU Chemnitz: Wo sind die alle bloß? Am Wochenende zu Hause, in Leipzig oder in Dresden? Und selbst an den Wochentagen bleiben die meisten Studierenden auf dem Uni-Campus in Bernsdorf stecken. „Wir bekomm‘ leider nix mit an der Bar im Atomino“, singt Kraftklub in dem Song „Eure Mädchen“. Wenn die schon nichts mitkriegen, wer denn dann?

Das Pendlerleben macht es schwer, sich auf Chemnitz einzulassen. Und wer am Wochenende nie da ist, packt die Koffer nie ganz aus. In niedlichen Studentenstädten reicht es, anwesend zu sein, um sich im Stadtleben zu integrieren. In Chemnitz muss man nach dynamischen Strukturen eher suchen oder selbst aktiv werden. Das merken Neulinge schnell.

Berlin war lange Zeit „the place to be“. Jetzt ist es Leipzig – warum nicht auch Chemnitz? Mit „a lively cultural scene, one of Europe’s largest intact art nouveau quarters and an unpretentious air“, wirbt der Lonely Planet für die ehemalige Karl-Marx-Stadt. Der Zug steht noch im Bahnhof, also aufspringen und mal richtig aus dem Fenster schauen.

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